Ghost-Restaurants? Die Digitalisierung der Gastronomie.

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Werden der Digitalisierung auch Gastronomiebetriebe und Restaurants zum Opfer fallen? Vielleicht sogar genau so dramatisch, wie der klassische Einzelhandel durch E-Commerce und digitale Bestelloptionen arg unter Druck gesetzt wird? Wieso hört man eigentlich so wenige Gastronomen über das Thema “Digitalisierung” ächzen oder schimpfen? 

Ich denke es liegt daran, dass die Digitaliserung in der Gastronomie und Restaurantszene bereits zu einem essentiellen Bestandteil avanciert ist. Aber wohin wird sich das entwickeln? Ich versuche mich einmal an einem zukunftsblickenden Zustandsbericht. 

Heute

Nur 5% aller Restaurantbestellungen weltweit werden im Jahr online getätigt, mehr als 40% der Deutschen nutzen beispielsweise überhaupt gar keine Lieferdienste. Doch das Potenzial dieses Kanals hat die Investitionen von Restaurants in allen Kategorien angekurbelt. Und während dieser digitale Push die neuen POS-Systeme – wie bei McDonald’s zum Beispiel die Selbstbedienungskioske – bis hin zu Reservierungsprozessen prägt, erlebt die Auslieferung aktuell wohl die stärkste Transformation.

Ich wage einmal die Behauptung anzustellen, dass die Anzahl derer, die ihr Restaurant-Essen gerne zu Hause in den eigenen vier Wänden zu sich nehmen wollen, immer weiter ansteigen wird. In den USA ist das bereits der Fall. Bis zu der Häflte aller Restaurant-Umsätze werden – je nach Zahlenbasis und Quelle – dort bereits als “Take-Out” geordert. Vozugsweise telefonisch. Sodann von den hungrigen Bestellern direkt auf dem Weg vom Arbeitsplatz nach Hause abgeholt und in die eigenen vier Wände kutschiert. Man hat die Szenen aus den vielen amerikanischen Serien und Filmen irgendwie direkt vor dem geistigen Auge, oder? 

Die Zukunft

Eine Vielzahl von mobilen Zustelldiensten wie Foodora und Uber Eats sind entstanden, um dieser Nachfrage der Verbraucher nach schnellen, reibungslosen Menüs gerecht zu werden. In Florida, wo ich mich gerne mal aufhalte, wird man an den Wochenenden häufig Zeuge dieses Schauspiels. Während man mit dutzenden anderen Gästen auf einen freien Tisch vor dem Lieblings “Casual Dining Restaurant” à la Texas Roadhouse oder Outback Steakhouse wartet und die warme Abendsonne geniesst, geben sich die UBER-Eats Fahrer regelrecht die Klinke in die Hand. Sie haben inzwischen sogar einen eigenen Wartebereich – und eigene reservierte Parkplätze.

Diese sich ändernden Anforderungen an die Gastronomie und die dazugehörigen Technologien bieten den Restaurantbetreibern erhebliche Wachstumschancen, wobei die digitalen Verkäufe sich in den nächsten 10 Jahren verfünffachen dürften. Und das wird sicherlich auch Auswirkungen auf klassische (physische) Restaurantkonzepte haben.

DAS GEISTER-RESTAURANT. SPUK oder bald REALITÄT?

Wenn Sie mich fragen, wird es künftig immer mehr virtuelle “e-Restaurants” geben. Also Restaurants, die nur noch kochen und liefern. Insbesondere in ländlichen Gebieten wird dieses Konzept meines Erachtes richtig Schule machen. Und ganz neue Geschäftsmodelle ermöglichen. 

Stellen Sie sich die Möglichkeiten einmal als Restaurantbetreiber vor, wenn ihr Geschäft keine „Front“ mehr hat. Keine teure Einrichtung. Nein, gar keine Einrichtung. Nur eine Küche. Keine Servierkräfte – nur Köche. Die Kostenauswirkungen könnten immens sein, wenn man sich keine Sorgen um erstklassige Immobilien oder teure Gemeinkosten machen muss. Ich denke, dass hier wirklich viel disruptives Potenzial schlummert, das die gesamte Gastronomieszene nachhaltig zu verändern könnte. Wir sprechen quasi von „Geisterrestaurants“. 

Die Rollen- und Stellenanforderungen an solche Restaurants könnten die Gastronomielandschaft – zumindest ein wenig – auf den Kopf stellen. Anstelle von Kellnern und Kellnerinen oder Barpersonal arbeiten dort vielleicht Social Media Manager, Digital Marketing Manager oder Logistik- und IT-Experten hinter der Geisterfassade des Restaurants. Um die Anbindung an möglichst viele Bestellplattformen sicherzustellen, Zahlungsflüsse zu überwachen, die Auslieferung zu optimieren oder das immens wichtige Einsammeln von Restaurantbewertungen zu koordinieren. Der Erfolgsfaktor ist dann auch nicht mehr, wieviele Tische am Abend “gedreht” werden, sondern die Koordination von Conversion, also der Kaufwahrscheinlichkeit, mittels Angeboten, Menüoptionen oder uhrzeitabhängigen Rabatten.

Klar – ganz so einfach wird es sicher nicht. Denn für so ein Geisterrestaurant wird es natürlich erstmal überhaupt gar kein Markenbewusstsein geben. Keine physischen Touchpoints. Wenn Sie dann in die Foodora-App einsteigen und durch 300 Restaurants scrollen…warum bestellen Sie dann bei genau diesem Restaurant, wenn Sie gar nicht wissen, für was es genau steht und sie noch nie an einem seiner Standorte waren? Aber so unwahrscheinlich ist es nun auch nicht. Unsereins macht ja auch heute schon die “physische” Restaurantwahl – zum Beispiel das Auffinden des besten Italieners von London – in der Regel stark abhängig von Bewertungsplattformen wie Tripadvisor. Und vertraut auf die Urteilskraft anderer, setzt sich mit Urvertrauen ins Taxi und fährt quer durch die City dorthin. 

Es ist wahrlich ein Blick in die Glaskugel. Aber es braucht keinen Wahrsager, um zu antizipieren, dass der Ausbau digitaler Berührungspunkte und die Weiterentwicklung von Online-Strategien kein Bonus mehr für Restaurants sind, sondern eine Notwendigkeit. Restaurants, die führend bei der digitalen Kundenbindung sind, zum Beispiel mit digitalen Apps oder plattformbasierten Dienstleistungen, werden sicherlich erfolgreicher sein und schneller wachsen als der “Eigenbrötler um die Ecke”. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wie sehen Sie das, liebe Leserinnen und Leser? 

Schreiben Sie mir doch gerne Ihre Meinung in den Kommentaren.

Noch ein kleiner Espresso zum Schluss

Was wenige wissen: ich selbst bin tatsächlich auch leidenschaftlicher Gastronom. Meine ersten beruflichen Erfahrungen in Restaurantküchen habe ich bei Mc Donalds gesammelt. Und dort in den Nachtschichten am Wochenende oft allein die Küche geschmissen. Eine wirklich tolle Zeit, auf die ich sehr stolz bin und extrem viel gelernt habe. Darauf habe ich dann sogar eine Ausbildung zum Fachmann für Systemgastronomie gesattelt. Naja, danach kam aber alles etwas anders. Die “Digitalisierung” hat mich dann doch mehr gereizt als Herd und Gastraum. Und in diesen Zeiten kommt dann alles wieder zusammen. Und vielleicht eröffne ich bald mal ein Geister-Restaurant. Wer weiß, wer weiß…