Wofür braucht man einen CDO?

Ende Februar war ich für eine Keynote zur Digitalisierung im „Forum UnternehmerTUM“, das in der wunderschönen BMW Welt – eine beeindruckende Eventlocation –  stattfand. Anschließend habe ich auf der Bühne gemeinsam mit Tijen Onaran, neue Kolumnistin von Business Punk und Gründerin von „Global Digital Women“, über die vielseitigen Aspekte von digitaler Transformation und unserer Rolle darin gesprochen. Und dann wurde ich doch tatsächlich, wenn auch ein wenig „durch die Blume“, gefragt, ob man heutzutage überhaupt noch einen CDO, einen Chief Digital Officer, in Unternehmen benötigt.

Kai Schmidhuber
UnternehmerTUM, gegründet von Susanne Klatten, widmet sich jährlich im Forum “Building Tech Business Together”.

Und meine Antwort? Was denken Sie? Was würden Sie antworten?

Ich hätte es mir einfach machen und antworten können: „Es kommt darauf an.“ Aber das wäre zu eindimensional gewesen. Für meine Antwort musste ich etwas ausholen und einen Vergleich bemühen…

Ein Glas Rotwein am Kamin

Nehmen wir an, Sie haben ein Haus gebaut. Und in diesem Haus (vielleicht nach dem agilen Verfahren, das mein Opa uns in DIESEM Artikel erklärt) befindet sich ein wundervoller, offener Kamin. Schön! Sie freuen sich auf die Winterabende und das prasselnde, knackende Feuer. Und nehmen wir auch einmal an, Sie haben keine Erfahrung mit dem Anzünden von Kaminfeuern. Gasgrills, ja. Kein Problem. Aber ein Kaminfeuer? Mit so richtig dicken Holzscheiten? Am besten noch selbst gehackt? Tja, und da kommt der „CDO“ ins Spiel.

(c) Pexels
Ohne das richtige Anzündholz lässt sich ein Kamfinfeuer schwer entfachen

Ein Kaminfeuer brennt nämlich nicht gut, wenn Sie es direkt mit den dicken Holzscheiten versuchen. Sie brauchen Anzündholz. Das sind kleine, leichte Holzscheite – spezialisiert auf das Anzünden quasi. Zusätzlich brauchen Sie vielleicht noch ein wenig „Brandbeschleuniger“.

Der CDO ist meiner Ansicht nach genau dieses Anzündholz – und zusammen mit seinem Team auch der Brandbeschleuniger. Kai Schmidhuber, Digitaler Brandstifter

Vielleicht wirkt der CDO sogar als Brandstifter im besten Sinne. Er hilft, eine Glut und ein kleines Feuer in Gang zu bringen. Dann erst kommen die großen Holzscheite hinzu, und das Feuer beginnt zu brennen.

Genauso ist es in Unternehmen. Das Feuer muss entfacht werden, aber von langer Dauer wird es nicht sein, wenn Sie ausschließlich Anzündhölzer – weitere Fachexperten – darin verheizen. So wird es weder gemütlich noch nachhaltig warm, geschweige denn „digital“. Sie müssen dann Ihr Business, die einzelnen Geschäftsbereiche, die großen Holzscheite, mit ins Feuer geben. Und dann – Magie und Wissenschaft – brennt es lange weiter. Es werden keine Anzündhölzer mehr benötigt. 

Der CDO wird überflüssig. Oder?

Der „Anzündholz-CDO“ ist jetzt überflüssig, allerdings warten dann gewiss andere Aufgaben auf ihn. Zum Beispiel sollte er darauf achten, dass kein „Kaminbrand“ entsteht. Aufpassen, dass das Feuer nicht ausgeht. Dafür sorgen, dass alle Holzscheite ins Feuer kommen. Zusehen, dass keiner außen vor bleibt. Sicherstellen, dass die Wärme sich optimal im Raum verteilt. Und natürlich auch, dass alle ein schönes Glas Rotwein zu trinken haben (okay, das ist optional). Aber in jedem Fall muss ein CDO für Wissen und Lerneffekte sorgen, damit am Ende wirklich jeder im Unternehmen weiß, wie das digitale Feuer entfacht wird.

Dann kann er wirklich gehen, vielleicht, um anderswo ein neues Feuer zu entfachen.

Ob die Person dann „CDO“ heißen muss, ist eine andere Frage. Wichtig ist meines Erachtens nur, dass der oder diejenige im Vorstand, im übertragenen Sinne „direkt am offenen Kamin“, sitzt. Weil sich ein Feuer nur dort entzünden lässt. Sie können keinen Kamin aus dem Keller heraus entfachen. Oder von draußen durch das Fenster, wie es Berater gern versuchen. Das wäre mentale Magie. Oder PowerPoint.

Platz da, ich bin Chief Important Officer!

Dein Startup hat noch keine Kunden. Oder noch nicht so viele. Klassischer Hockeystick, ne? Schon klar. Aber Du hast auf jeden Fall einen Titel …

Kai Schmidhuber, selbst Mehrfachgründer (E-Commerce, Beratung, Verlagswesen, Food)

Wohin ich auch gehe, welche Startups auch immer ich als Investor oder als freundlich-investigativer Interessent treffe, sie alle haben einen CEO, einen CTO, COO, CMO und CPO. Jedes Startup von Berlin bis Bielefeld. Wir sind alle Häuptlinge, das ist sicher.

Woher kommt dieser Bedarf an Titeln?

In einer agilen Welt, in der die Organisationsstrukturen nicht so fest sind wie in den klassischen Corporate-Giganten, gründen die Gründer und Entrepreneurs Silos, bevor sie überhaupt eine Vision haben.

Vielleicht ist es nicht die Schuld des Gründers. Vielleicht ist es ein Problem mit dem altbekannten Venture Capital-Streben. Gründer, die sich weniger um das Produkt kümmern.  Und mehr Augenmerk auf ihr Setup legen und wie sie dieses skalieren können, ohne dass es jemand versaut. Und wenn sie einen Titel haben, der sie wie den Kopf eines Fortune-500-Unternehmens klingen lässt, sind sie sich vielleicht der Bedeutung bewusst, die eine Investition in ihre digitale Bretterbude haben wird. Who knows.

CEO – ein technischer Fehler?

Oder ist es vielleicht ein technisches Problem mit einer alten Excel-Tabelle, die nur drei Zeichen für das Titelfeld akzeptiert? Oder ist diese Tabelle in unseren Köpfen? Ich bin es ja schon gewohnt, dass heutzutage nahezu jede unternehmerische Anstrengung als “Startup” bezeichnet wird.

Nein, du musst nicht der CEO des veganen Shabby-chic-Cafés sein, das du gründest. 

Du brauchst wahrscheinlich auch jetzt noch nicht diese Social Media Strategie, die dir dein guter Freund, aktuell im All-Nighter-Mode bei einer fancy Media-Agentur, wärmstens andrehen will. Mach einfach guten Kaffee. Poste darüber, wenn du willst. Das ist erstmal alles, was du brauchst.

Des Rätsels Lösung ist nah

Hier ist eine einfache Möglichkeit, das Titelproblem schnell zu lösen: 

Beginne doch einfach damit, die Leute dafür verantwortlich zu machen, für was du sie auch eingestellt hast. In der Gastronomie ist das eigentlich sehr klar und schon seit jeher ohne Zweifel. Der Koch ist der Koch und kocht. Der Kellner ist der Kellner und bedient. Die Barfrau ist die Barfrau und schmeißt die Theke. Und Du? Nein, Du bist nicht der CEO. Du bist der Gastgeber.

Mit diesem Mindset klappt es dann auch gleich besser in Punkto Kundenzufriedenheit. Und dann geht auch der Hockeystick steil. Yeah! High Fives!

Achso, bevor Sie es erwähnen, liebe Leserin und lieber Leser. Ja, ich bin selber Chief Digital Officer.Sie haben meinen wunden Punkt gefunden. Aber wie sollte ich mich denn sonst nennen? Lassen Sie mich überlegen…

OK. Der Kunde soll entscheiden.

Also, wenn zum Beispiel während einer Besprechung mal wieder die Technik streikt, der Fernseher nicht angeht oder der Beamer qualmt, schauen alle immer direkt mich an. „Könnte unser IT-affine Digitalmann das mal lösen?“,  heisst es dann aus allen Reihen. 

Das muss es wohl sein.

Kai Schmidhuber, Affiner Digitalmann.

ehem. CDO

In diesem Sinne! 

Gutes Gründen und gute Gründe, wünsche ich.

(Verfasst in einem veganen Cafe. Ich muss jetzt mein Avocadobrot bezahlen. Ob die hier Apple Pay haben? Nein, nur Barzahlung, sagt mir grad der CFO an der verbeulten Geldkassette. Tja. Dann heisst es wohl doch wieder CDO. Chief Dishwashing Officer.