Best Practice – die Pauschalreise unter den Managementprinzipien.

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Best Practices digitaler Transformation sind die Pauschalreise unter den powerpointverklärten Unternehmens-Life-Hacks. Gute Bewertungen, schönes Hotel, bewacht und sicher, einmal die Woche „Black-and-White-Gala“. Schön! Und klar – es gibt auch tolle Ausflüge! Mit super Tourguides und echt spannenden Insights. Und am Ende kann man immer noch was zusätzlich kaufen. Perfekt!

Aber denken Sie, dass Sie über die Umsetzung von derlei „Best Practices“ im Unternehmenskontext einen Wettbewerbsvorteil erzielen könnten? In dem Sie das tun, was vor Ihnen schon dutzende andere so erfolgreich gemacht haben? Ich denke nicht. Ihre Erfahrung wird sich maximal darin unterscheiden, wie gut ihre Anreise, Abreise oder die Verpflegung war, um im Bilde der Pauschalreise zu bleiben. 

Ich rolle jedenfalls immer innerlich mit den Augen, wenn ich höre, dass jemand den Satz „Das ist ein Best Practice“ auf autoritäre Weise als Rechtfertigung für die Position verwendet, die er gerade evangelisiert. Denn die Realität ist: 

Best Practices sind nichts anderes als verschiedene Gruppen von Methoden, Prozessen, Regeln, Konzepten und Theorien, die ein Erfolgsniveau in bestimmten Bereichen erreicht haben. Und wegen dieser Erfolge, wurden sie dann als universelle Wahrheiten betrachtet, die überall angewendet werden können.

Einfaches Beispiel: die Implementierung einer bestimmten Anwendung zur Automatisierung eines bestehenden manuellen Prozesses in Ihrem Unternehmen. 

Meine Frage ist folgende: Was sind Best Practices in dieser Situation? 

  • Kauft Ihr Unternehmen eine Standardlösung, nutzt es eine SaaS-, oder eine Cloud-basierte Lösung…
  • …oder beginnt es mit der Entwicklung einer individuellen Anwendung? 
  • Außerdem, wenn sie sich entscheiden, die Anwendung zu entwickeln, sollte dies intern mit bestehenden Mitarbeitern erfolgen oder ausgelagert werden?

Oh, und was ist mit der Entwicklungsmethodik? Agile? Klar! Machen doch jetzt alle! 

Die Realität ist, dass Sie immer jemanden finden können, der Ihnen sagt, dass eine der oben genannten Optionen bewährte Praktiken sind – wer hat also Recht und wer Unrecht?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich empfehle nicht eine unverhohlene Missachtung der bestehenden Methoden, sondern ein sehr kritisches Auge darauf, ob sie über die Tatsache hinaus geeignet sind, dass sie bereits verwendet werden. Wann immer Methoden produziert werden, wird oft Objektivität aus der Gleichung entfernt. Wann immer Sie ein Produkt als Lösung vorgeschlagen bekommen, schlage ich einfach vor, dass Sie vorsichtig sind. Gerade die Abgabe von One-Size-Fits-All-Ratschlägen hat es ermöglicht, dass die Beraterriege zu historischen Ausmaßen anwachsen konnte. Etwas als Best Practices zu bezeichnen, ist kein Ersatz für Urteilsvermögen, Fachwissen, Kreativität oder eine der anderen Qualitäten, die ich an einem Berater schätze.

Populäre Geschäftsgrundsätze und Managementtheorien werden heutzutage auf so ungezwungene Weise jongliert, dass sie tatsächlich zu fehlerhaften Entscheidungen führen können. Aus genau diesem Grund glaube ich, dass zu viel allgemeine Managementweisheit überhaupt nicht weise ist, sondern auf einem Missverständnis oder einer falschen Anwendung von “Best Practices” beruht. Die oft ein schlechtes, unvollständiges oder schon veraltetes Denken darstellen.

Mein Vorschlag: Investieren Sie Ihr Budget für die “Best-Practice-Pauschalreise“ lieber in ein altmodisches Tandem. Und gehen mit ihrem Lieblingskollegen mal auf Erkundungstour in der Umgebung ihres Unternehmens. Als Team. Kein Guide. Neue Pfade einschlagen. Nicht in die ferne schweifen. Häufiger mal anhalten. Auf Details achten. Etwas entdecken. Und natürlich auch mal nach dem Weg fragen. Aber am Ende war es Ihre Reise. Die kann keiner so leicht imitieren.