Digitale Transformation – ein kollektives Missverständnis

Wir alle können vom Pizzabäcker um die Ecke und dieser bunten Social Media-Jacke etwas über Digitalisierung lernen. Swipen Sie up.

Kai Schmidhuber, Digitaler Emoji-Unternehmer mit Hang zum Übertreiben

Bevor Sie fragen oder googlen: Nein, die Jacke kann man nicht kaufen. Und Ja, ich habe diese Jacke selbst hergestellt. Und ich trage sie recht häufig zu Beginn meiner Keynote-Speeches. Die Organisatoren sind dann jedes mal kurz versucht, schnell das Bühnenlicht zu löschen und mir das Mikrofon abzudrehen. Ich sehe das Entsetzen in ihren Augen. Aber meine Message wird dann doch recht schnell klar.

Eine bunte Emoji-Jacke macht mich so wenig zum Social Media-Star wie komplizierte Tools und Technologien ein Unternehmen zum digitalen Transformations-Terminator.

Mehr als 50.000 Menschen haben meine Artikel bereits gelesen. Dabei sind die Texte erst seit ein paar Tagen online. Ich habe auch sehr viel Feedback bekommen, unter anderem, dass ich meine Meinung zur “Digitalen Transformation” in Unternehmen doch mal prägnant(er) zusammenfassen möge. Hab’ ich gemacht – “voilà”, wie der Spanier sagt:

 

Digitale Transformation. Was ist das?

Knappe Antwort: ein großes und kollektives Missverständnis

Wieso? Der Begriff „digitale Transformation“ ist zunächst einmal wertend, nicht neutral. Und er führt in der Regel zu schlechten strategischen Entscheidungen. Technologie ist nur ein Element der gesamten digitalen Transformation per se. Wenn es um Digitaltechnik geht, denken wir immer schnell an Technologie, Innovation und Leistungsfähigkeit.

„Digital“ ist das Feuerwerk des modernen Managementmagiers – Hauptsache, wir erzielen ein großes „Bumm!“ und viele schöne Farben. Überall PowerPoint-Poeten. 

Digitale Transformation ist einfach kein Zauberstab. Sie macht nicht per Simsalabim cool und modern oder profitabel und innovativ.

Kai Schmidhuber, Desillusionist

Beispiel von Pizzabäcker Toni

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Küche. Ich versuche mich seit Jahren daran, einen richtig guten neapolitanischen Pizzateig zu machen. Es braucht eigentlich nur Mehl, Wasser, Hefe und Salz. Jetzt war ich doch wirklich eine Zeitlang der Meinung, dass mir ausschließlich der Erwerb von Technologie, nämlich in Form einer Kitchen Aid, zum perfekten Teig verhelfen könne. Weit gefehlt. Ich hab nämlich einfach mal ein Samstags-Praktikum bei Toni, meinem Italiener um die Eckte gemacht. Und da zugeschaut. Turns out: die machen den Teig in einer alten Holzkiste! Mit Händen.  Vielmehr geht es darum, was mit dem Teig passiert, wenn er fertig geknetet ist. Wie lange man ihn gehen lässt. Nämlich 36 Stunden! Mindestens! Im Kühlschrank. Siehe da: Ich brauche Technologie – aber keinen neuen Kühlschrank. Ich habe ja einen. Nur die Idee, dass ich den Teig da auch mal für eineinhalb Tage reinstellen kann, die fehlte bisher. Ich habe meine Arbeitsweise angepasst. Nicht die Technologie. Schreiben Sie mir, wenn Sie das Rezept wollen.

 

Was ist digitale Transformation denn jetzt?

In Kürze: unvermeidlich.

Ja, „digital“ ist unvermeidlich – aber nicht so sehr in dem Sinne, dass schnell alle möglichen Technologien übernommen werden müssten, sondern in der Erkenntnis, dass sich die Welt an sich verändert hat. In Wirklichkeit ist der technologische Wandel nur ein Werkzeug im Dienste einer größeren Transformation der Gesellschaft. Dabei sollte das Ziel eben nicht sein, stets die neueste Shootingstar-Technologie einzukaufen, sondern sich auf allen internen Ebenen des Unternehmens auf eine gemeinsame Vision zu einigen.

Ob dieser Prozess nun digitale Transformation heißt oder LMAA (für: Lass Mal Anders Agieren), ist piep egal.

Kai Schmidhuber, LMAA-Guru

Mit anderen Worten: Die schrittweise Anpassung an eine andere Arbeitsweise ist gefordert.Das sind die Herausforderungen, vor denen Unternehmen stehen, und sie sind tiefgreifender als eine simple Aktualisierung der jeweils verwendeten Tools.

 Kurz gesagt, die Herausforderung besteht nicht in der Integration des digitalen Werkzeugs, sondern in der Integration des digitalen Konsumenten.