Interview – Wieviel Digitalisierung vertragen Kultur und Mitarbeiter


Im Original erschienen auf buchreport.

Wenn digitale Disruptoren in der Führung auf etablierte Teams treffen, müssen sie oft feststellen, dass ihre Wirksamkeit begrenzt ist. Vor einen Veränderungsprozess müssen sie dann einen Lern- (und Lehr-)Prozess schalten.Worauf es genau ankommt, damit dieser Prozess gelingt, zeigt Kai Schmidhuber, Chief Digital Officer von L’Oréal Deutschland, im HR-Channel von buchreport.de.

Kai Schmidhuber ist auch Referent beim HR Future Day der Akademie der Deutschen Medien am 12. März 2019 in München. Dort spricht er über branchenübergreifende „Lessons Learned“ und „Fails“ aus digitalen Change-Prozessen.

Kaum eine Branche stellt sich ein Außenstehender „analoger“ vor als die Beauty-Branche. Da geht es um das Schöne und das Sinnliche. Trifft diese Vorstellung auch für die Mitarbeiter dieser Branche zu?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte behaupten, dass kaum eine Branche die digitale Transformation – und damit einhergehend den Wandel der Kundenbedürfnisse – stärker antizipiert und aktiver gestaltet als die Beauty-Branche. L’Oréal ist nicht zuletzt deshalb Beauty-Weltmarktführer, weil gerade die Mitarbeiter des Unternehmens „Digital“ als Chance und als Möglichkeit begreifen, das Unternehmen und unsere Leistungen absolut kundenzentrisch auszurichten. Das kommt natürlich alles nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis jahrelanger Transformationsarbeit auf allen Ebenen und Funktionsbereichen des Unternehmens.

Welche Bereiche und Komponenten des Leistungsprozesses lassen sich in dieser Branche überhaupt digitalisieren?

Digitale Transformation betrifft das Mindset und damit das gesamte Unternehmen. Digitale Transformation bedeutet ja nicht, einzelne Elemente herauszupicken und „eine App“ daraus zu machen. Jeder Teil der Wertschöpfung ist davon betroffen. Nehmen Sie einen Lippenstift als Beispiel – wäre es nicht wunderbar, wenn Sie schon vor dem Kauf und Auftragen ausprobieren könnten, ob der Lippenstift farblich zu Ihrem Abenddress passt? Das ist heute mittels Augmented Reality möglich. Und vielleicht planen Sie daraufhin ihren nächsten Shoppingtrip in die Stadt und möchten sich vergewissern, dass genau diese Nuance auch bei Ihrem bevorzugten Händler verfügbar ist – kein Problem. Alles online – Informationen, Tipps, Tutorials, Bewertungen – bis hin zur direkten Bestellmöglichkeit. Das alles ist das Ergebnis beständiger Digitalisierungsarbeit.

Ergibt sich die Reihenfolge, in der diese Komponenten digitalisiert werden müssen, von allein, oder braucht man dazu ein strategisches „Grand Design“?

Dazu braucht es eine konkrete Planung, ein umfassendes Design – und vor allem eine klare Vision. Wir sind ein Unternehmen, das auf starke Beziehungen zu seinen Handelspartnern setzt, und wollen uns eng mit ihnen abstimmen. Das ist für uns der Schlüssel zum Erfolg. Um im Ergebnis gemeinsam die besten Ideen, digitalen Lösungen und Services für unsere Konsumenten bieten zu können.

Wofür braucht man einen CDO?

Ende Februar war ich für eine Keynote zur Digitalisierung im „Forum UnternehmerTUM“, das in der wunderschönen BMW Welt – eine beeindruckende Eventlocation –  stattfand. Anschließend habe ich auf der Bühne gemeinsam mit Tijen Onaran, neue Kolumnistin von Business Punk und Gründerin von „Global Digital Women“, über die vielseitigen Aspekte von digitaler Transformation und unserer Rolle darin gesprochen. Und dann wurde ich doch tatsächlich, wenn auch ein wenig „durch die Blume“, gefragt, ob man heutzutage überhaupt noch einen CDO, einen Chief Digital Officer, in Unternehmen benötigt.

Kai Schmidhuber
UnternehmerTUM, gegründet von Susanne Klatten, widmet sich jährlich im Forum “Building Tech Business Together”.

Und meine Antwort? Was denken Sie? Was würden Sie antworten?

Ich hätte es mir einfach machen und antworten können: „Es kommt darauf an.“ Aber das wäre zu eindimensional gewesen. Für meine Antwort musste ich etwas ausholen und einen Vergleich bemühen…

Ein Glas Rotwein am Kamin

Nehmen wir an, Sie haben ein Haus gebaut. Und in diesem Haus (vielleicht nach dem agilen Verfahren, das mein Opa uns in DIESEM Artikel erklärt) befindet sich ein wundervoller, offener Kamin. Schön! Sie freuen sich auf die Winterabende und das prasselnde, knackende Feuer. Und nehmen wir auch einmal an, Sie haben keine Erfahrung mit dem Anzünden von Kaminfeuern. Gasgrills, ja. Kein Problem. Aber ein Kaminfeuer? Mit so richtig dicken Holzscheiten? Am besten noch selbst gehackt? Tja, und da kommt der „CDO“ ins Spiel.

(c) Pexels
Ohne das richtige Anzündholz lässt sich ein Kamfinfeuer schwer entfachen

Ein Kaminfeuer brennt nämlich nicht gut, wenn Sie es direkt mit den dicken Holzscheiten versuchen. Sie brauchen Anzündholz. Das sind kleine, leichte Holzscheite – spezialisiert auf das Anzünden quasi. Zusätzlich brauchen Sie vielleicht noch ein wenig „Brandbeschleuniger“.

Der CDO ist meiner Ansicht nach genau dieses Anzündholz – und zusammen mit seinem Team auch der Brandbeschleuniger. Kai Schmidhuber, Digitaler Brandstifter

Vielleicht wirkt der CDO sogar als Brandstifter im besten Sinne. Er hilft, eine Glut und ein kleines Feuer in Gang zu bringen. Dann erst kommen die großen Holzscheite hinzu, und das Feuer beginnt zu brennen.

Genauso ist es in Unternehmen. Das Feuer muss entfacht werden, aber von langer Dauer wird es nicht sein, wenn Sie ausschließlich Anzündhölzer – weitere Fachexperten – darin verheizen. So wird es weder gemütlich noch nachhaltig warm, geschweige denn „digital“. Sie müssen dann Ihr Business, die einzelnen Geschäftsbereiche, die großen Holzscheite, mit ins Feuer geben. Und dann – Magie und Wissenschaft – brennt es lange weiter. Es werden keine Anzündhölzer mehr benötigt. 

Der CDO wird überflüssig. Oder?

Der „Anzündholz-CDO“ ist jetzt überflüssig, allerdings warten dann gewiss andere Aufgaben auf ihn. Zum Beispiel sollte er darauf achten, dass kein „Kaminbrand“ entsteht. Aufpassen, dass das Feuer nicht ausgeht. Dafür sorgen, dass alle Holzscheite ins Feuer kommen. Zusehen, dass keiner außen vor bleibt. Sicherstellen, dass die Wärme sich optimal im Raum verteilt. Und natürlich auch, dass alle ein schönes Glas Rotwein zu trinken haben (okay, das ist optional). Aber in jedem Fall muss ein CDO für Wissen und Lerneffekte sorgen, damit am Ende wirklich jeder im Unternehmen weiß, wie das digitale Feuer entfacht wird.

Dann kann er wirklich gehen, vielleicht, um anderswo ein neues Feuer zu entfachen.

Ob die Person dann „CDO“ heißen muss, ist eine andere Frage. Wichtig ist meines Erachtens nur, dass der oder diejenige im Vorstand, im übertragenen Sinne „direkt am offenen Kamin“, sitzt. Weil sich ein Feuer nur dort entzünden lässt. Sie können keinen Kamin aus dem Keller heraus entfachen. Oder von draußen durch das Fenster, wie es Berater gern versuchen. Das wäre mentale Magie. Oder PowerPoint.

Weshalb es Unsinn ist, ihren Mitarbeitern “Digitalisierung” zu erklären.

Kennen Sie Unternehmenslenker, die vom „Thema Digitalisierung“ sprechen? So nach dem Motto: „Bei uns ist das Thema Digitalisierung jetzt auch ganz groß. Da sind wir jetzt dran.“ Joah … 

Für mich ist auch das Thema „Feierabend“ ganz groß. Da bin ich auch täglich dran.

Digitalisierung ist kein „Thema“, damit muss ich jetzt mal aufräumen. Denn auch Profitabilität und Kundenzufriedenheit sind keine „Themen“.

Kai Schmidhuber, wenn er sich in Rage denkt

Gründen Sie ein Mähbusiness!

Stellen Sie sich das einmal im privaten, kleineren Kontext vor: Sie gründen ein kleines Unternehmen. Sagen wir einen Rasenmäh-Service. Sie nennen es “Amähzon”. Ihr Service: Sie mähen bei anderen Leuten den Rasen. Ich glaube, das wäre mein Traumberuf. Riechen Sie das auch gerade? Der Geruch von frisch geschnittenem Gras … Sommer …? Toll! Aber zurück zum Thema: Sie haben gerade ihr Mähbusiness gegründet und stellen 2–3 Rasen-Mäher ein. Also Mitarbeiter, die den Rasen mähen. Mit Rasenmähern. Den richtig guten! So mit Benzin, 54er Schnittbreite und Megafangkorb samt Mulchfunktion. Und ihr Business läuft super! Erst gewinnen Sie zwei, drei Häuser, später den ganzen Straßenzug als Kunden. Sie stellen weitere Rasen-Mäher ein. Läuft bei Ihnen!
 

Oh je – Amähzon wird disruptiert!

Tja, und plötzlich haben Sie eine dieser dicken Werbebeilagen im Briefkasten. Und ihre Kunden auch. „Jetzt im Angebot: Mähroboter“, ab 379 Euro lockt die Technik. KI lässt grüßen. Ihre Kunden stellen sich schon bildlich vor, wie sie in der Mittagspause das Gesprächsthema zwischen Salatteller und Soja Latte stellen: “Meinen Rasen mäht jetzt ein Algorithmus. Easy. Ich steuer das alles über Smart Home. Muss nur noch die App mit dem Rasenmäher matchen und dann das GPS-Modul mit unserem WLAN connecten. Aber ist alles Plug & Play.” Was passiert also:  ihre Kunden, viele mit Smartphone sozialisiert und in freudiger Erwartung, demnächst auch eine App zum Rasenmähen ihr Eigen nennen zu können, schlagen begeistert zu und kaufen Mähroboter. 
Sie verlieren einen Kunden nach dem anderen. Die Profitabilität Ihres Unternehmens sinkt. Die Kundenzufriedenheit der verbleibenden Kunden auch, denn aufgrund ihrer geringeren Auslastung können Sie nicht mehr so viele Mähtermine anbieten. Sie müssen vielleicht sogar Leute entlassen.

Zeit für die Erkenntnis

Und dann merken Sie: Oha, das Thema Digitalisierung scheint meinen Kunden ja extrem wichtig zu sein. Und dann wird es hektisch. Sie schulen Ihre Mitarbeiter. Über Wochen, Monate. Erklären ihnen rauf und runter, wie wichtig „Digital“ ist. Externe Experten kommen. Kai Schmidhuber hält bei der Betriebsfeier eine Rede und teilt lustige Anekdoten über Rollrasen. Die Mitarbeiter lernen praktisch in „Sessions“, dass jetzt alle diesen „E-Commerce“ machen und nur noch auf dem Smartphone daddeln, und dass das auch die Rasenmähindustrie zum Erliegen bringt. Die Mitarbeiter dann so in der Mittagspause: „Das Thema Digitalisierung ist wirklich spannend. Wer ist eigentlich dieser neue im Team?” Ein anderer: „Ach der? Der macht jetzt wohl digital. Kommt von (Digitalfirma einsetzen).“ 


Was läuft hier falsch?


Alles! 


Denn natürlich geht es AUCH darum, die Mitarbeiter „mitzunehmen“ und ihnen die Bedeutung und Herausforderungen der Digitalisierung zu erklären. Aber, lieber Amähzon-CEO: Das reicht nicht! Das ist ungefähr so, wie der Fußballmannschaft, die gerade dabei ist, haushoch zu verlieren, während der Halbzeit in der Kabine zu erklären, weshalb der Gegner einfach besser ist. Nein. Das würde nie so passieren. Sondern man bespricht eine Strategie, wie dem nun beizukommen ist. Und zwar direkt. Sofort. Um das Ruder rumzureißen. In der zweiten Halbzeit. Nicht erst in der nächsten Saison, sonst droht der Abstieg. Jeder Mann oder jede Frau auf dem Platz wird gebraucht.

Und so sollte es auch in Unternehmen laufen: Digitalisierung vermitteln ist das eine, doch viele lagern die eigentlichen Aktivitäten aus. Die Digitalisierung als Solche wird zur Geheimwissenschaft. Die Mitarbeiter werden dann zu Zuschauern.

Was also tun?

Mein Vorschlag für den Mähfirma-CEO: Diese Mähroboter sind zwar digital und cool, aber im Handling eigentlich der letzte Mist. Wer verlegt denn dieses Kabel im Garten? Wer richtet die App ein, programmiert den Wahnsinn? Wer wartet den Roboter? Ersetzt die Klingen? Und wer kommt vorbei und mäht die Ecken und Kanten, an denen der Roboter regelmäßig scheitert, und baut den ganzen Rödel dann irgendwann wieder ab (ich spreche aus Erfahrung)? Denn die Kunden und Ex-Kunden von Amähzon werden dann wahrscheinlich merken, dass richtiges Rasenmähen ein doch ziemlich sensibles Thema ist. Und es auf Zuverlässigkeit und Sorgfalt und Service ankommt. Und dann zum Handy greifen, um den nächsten freien Termin zum manuellen Mähen komfortabel einzubuchen! Vielleicht sogar in einer App.

Und wieso? Weil sie nicht einfach drauflos digialisiert, sondern Ihre Unternehmensstrategie verändert haben. Und daraufhin dann ihre Leistungen, Versprechen und Ways-of-Working angepasst haben. Und ihren Mitarbeitern nicht das “Thema Digitalisierung” erklärt, sondern Sie für Ihre Rolle DARIN geschult haben. Weil jeder involviert war.

Lieber Leser, liebe Leserin, wie sehen Sie das? Was hätte die Mähfirma noch tun können? Oder stattdessen?

So, ich bin raus für heute. 

Rasenmähen.

Platz da, ich bin Chief Important Officer!

Dein Startup hat noch keine Kunden. Oder noch nicht so viele. Klassischer Hockeystick, ne? Schon klar. Aber Du hast auf jeden Fall einen Titel …

Kai Schmidhuber, selbst Mehrfachgründer (E-Commerce, Beratung, Verlagswesen, Food)

Wohin ich auch gehe, welche Startups auch immer ich als Investor oder als freundlich-investigativer Interessent treffe, sie alle haben einen CEO, einen CTO, COO, CMO und CPO. Jedes Startup von Berlin bis Bielefeld. Wir sind alle Häuptlinge, das ist sicher.

Woher kommt dieser Bedarf an Titeln?

In einer agilen Welt, in der die Organisationsstrukturen nicht so fest sind wie in den klassischen Corporate-Giganten, gründen die Gründer und Entrepreneurs Silos, bevor sie überhaupt eine Vision haben.

Vielleicht ist es nicht die Schuld des Gründers. Vielleicht ist es ein Problem mit dem altbekannten Venture Capital-Streben. Gründer, die sich weniger um das Produkt kümmern.  Und mehr Augenmerk auf ihr Setup legen und wie sie dieses skalieren können, ohne dass es jemand versaut. Und wenn sie einen Titel haben, der sie wie den Kopf eines Fortune-500-Unternehmens klingen lässt, sind sie sich vielleicht der Bedeutung bewusst, die eine Investition in ihre digitale Bretterbude haben wird. Who knows.

CEO – ein technischer Fehler?

Oder ist es vielleicht ein technisches Problem mit einer alten Excel-Tabelle, die nur drei Zeichen für das Titelfeld akzeptiert? Oder ist diese Tabelle in unseren Köpfen? Ich bin es ja schon gewohnt, dass heutzutage nahezu jede unternehmerische Anstrengung als “Startup” bezeichnet wird.

Nein, du musst nicht der CEO des veganen Shabby-chic-Cafés sein, das du gründest. 

Du brauchst wahrscheinlich auch jetzt noch nicht diese Social Media Strategie, die dir dein guter Freund, aktuell im All-Nighter-Mode bei einer fancy Media-Agentur, wärmstens andrehen will. Mach einfach guten Kaffee. Poste darüber, wenn du willst. Das ist erstmal alles, was du brauchst.

Des Rätsels Lösung ist nah

Hier ist eine einfache Möglichkeit, das Titelproblem schnell zu lösen: 

Beginne doch einfach damit, die Leute dafür verantwortlich zu machen, für was du sie auch eingestellt hast. In der Gastronomie ist das eigentlich sehr klar und schon seit jeher ohne Zweifel. Der Koch ist der Koch und kocht. Der Kellner ist der Kellner und bedient. Die Barfrau ist die Barfrau und schmeißt die Theke. Und Du? Nein, Du bist nicht der CEO. Du bist der Gastgeber.

Mit diesem Mindset klappt es dann auch gleich besser in Punkto Kundenzufriedenheit. Und dann geht auch der Hockeystick steil. Yeah! High Fives!

Achso, bevor Sie es erwähnen, liebe Leserin und lieber Leser. Ja, ich bin selber Chief Digital Officer.Sie haben meinen wunden Punkt gefunden. Aber wie sollte ich mich denn sonst nennen? Lassen Sie mich überlegen…

OK. Der Kunde soll entscheiden.

Also, wenn zum Beispiel während einer Besprechung mal wieder die Technik streikt, der Fernseher nicht angeht oder der Beamer qualmt, schauen alle immer direkt mich an. „Könnte unser IT-affine Digitalmann das mal lösen?“,  heisst es dann aus allen Reihen. 

Das muss es wohl sein.

Kai Schmidhuber, Affiner Digitalmann.

ehem. CDO

In diesem Sinne! 

Gutes Gründen und gute Gründe, wünsche ich.

(Verfasst in einem veganen Cafe. Ich muss jetzt mein Avocadobrot bezahlen. Ob die hier Apple Pay haben? Nein, nur Barzahlung, sagt mir grad der CFO an der verbeulten Geldkassette. Tja. Dann heisst es wohl doch wieder CDO. Chief Dishwashing Officer.

Digitale Transformation – ein kollektives Missverständnis

Wir alle können vom Pizzabäcker um die Ecke und dieser bunten Social Media-Jacke etwas über Digitalisierung lernen. Swipen Sie up.

Kai Schmidhuber, Digitaler Emoji-Unternehmer mit Hang zum Übertreiben

Bevor Sie fragen oder googlen: Nein, die Jacke kann man nicht kaufen. Und Ja, ich habe diese Jacke selbst hergestellt. Und ich trage sie recht häufig zu Beginn meiner Keynote-Speeches. Die Organisatoren sind dann jedes mal kurz versucht, schnell das Bühnenlicht zu löschen und mir das Mikrofon abzudrehen. Ich sehe das Entsetzen in ihren Augen. Aber meine Message wird dann doch recht schnell klar.

Eine bunte Emoji-Jacke macht mich so wenig zum Social Media-Star wie komplizierte Tools und Technologien ein Unternehmen zum digitalen Transformations-Terminator.

Mehr als 50.000 Menschen haben meine Artikel bereits gelesen. Dabei sind die Texte erst seit ein paar Tagen online. Ich habe auch sehr viel Feedback bekommen, unter anderem, dass ich meine Meinung zur “Digitalen Transformation” in Unternehmen doch mal prägnant(er) zusammenfassen möge. Hab’ ich gemacht – “voilà”, wie der Spanier sagt:

 

Digitale Transformation. Was ist das?

Knappe Antwort: ein großes und kollektives Missverständnis

Wieso? Der Begriff „digitale Transformation“ ist zunächst einmal wertend, nicht neutral. Und er führt in der Regel zu schlechten strategischen Entscheidungen. Technologie ist nur ein Element der gesamten digitalen Transformation per se. Wenn es um Digitaltechnik geht, denken wir immer schnell an Technologie, Innovation und Leistungsfähigkeit.

„Digital“ ist das Feuerwerk des modernen Managementmagiers – Hauptsache, wir erzielen ein großes „Bumm!“ und viele schöne Farben. Überall PowerPoint-Poeten. 

Digitale Transformation ist einfach kein Zauberstab. Sie macht nicht per Simsalabim cool und modern oder profitabel und innovativ.

Kai Schmidhuber, Desillusionist

Beispiel von Pizzabäcker Toni

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Küche. Ich versuche mich seit Jahren daran, einen richtig guten neapolitanischen Pizzateig zu machen. Es braucht eigentlich nur Mehl, Wasser, Hefe und Salz. Jetzt war ich doch wirklich eine Zeitlang der Meinung, dass mir ausschließlich der Erwerb von Technologie, nämlich in Form einer Kitchen Aid, zum perfekten Teig verhelfen könne. Weit gefehlt. Ich hab nämlich einfach mal ein Samstags-Praktikum bei Toni, meinem Italiener um die Eckte gemacht. Und da zugeschaut. Turns out: die machen den Teig in einer alten Holzkiste! Mit Händen.  Vielmehr geht es darum, was mit dem Teig passiert, wenn er fertig geknetet ist. Wie lange man ihn gehen lässt. Nämlich 36 Stunden! Mindestens! Im Kühlschrank. Siehe da: Ich brauche Technologie – aber keinen neuen Kühlschrank. Ich habe ja einen. Nur die Idee, dass ich den Teig da auch mal für eineinhalb Tage reinstellen kann, die fehlte bisher. Ich habe meine Arbeitsweise angepasst. Nicht die Technologie. Schreiben Sie mir, wenn Sie das Rezept wollen.

 

Was ist digitale Transformation denn jetzt?

In Kürze: unvermeidlich.

Ja, „digital“ ist unvermeidlich – aber nicht so sehr in dem Sinne, dass schnell alle möglichen Technologien übernommen werden müssten, sondern in der Erkenntnis, dass sich die Welt an sich verändert hat. In Wirklichkeit ist der technologische Wandel nur ein Werkzeug im Dienste einer größeren Transformation der Gesellschaft. Dabei sollte das Ziel eben nicht sein, stets die neueste Shootingstar-Technologie einzukaufen, sondern sich auf allen internen Ebenen des Unternehmens auf eine gemeinsame Vision zu einigen.

Ob dieser Prozess nun digitale Transformation heißt oder LMAA (für: Lass Mal Anders Agieren), ist piep egal.

Kai Schmidhuber, LMAA-Guru

Mit anderen Worten: Die schrittweise Anpassung an eine andere Arbeitsweise ist gefordert.Das sind die Herausforderungen, vor denen Unternehmen stehen, und sie sind tiefgreifender als eine simple Aktualisierung der jeweils verwendeten Tools.

 Kurz gesagt, die Herausforderung besteht nicht in der Integration des digitalen Werkzeugs, sondern in der Integration des digitalen Konsumenten.

Mein Opa erklärt “AGILE Entwicklung”

Jungchen – deine Omma und ich haben schon immer alles ganz agile developed! Getz’ sach’ mir nich’ Du weißt nicht watt Agility is?  Opa Schmidhuber

Was ist agile Entwicklung wirklich? Opa erklärt.

Landein, landab wird von “Agility” gesprochen. Haben Sie auch schon alle Workshops hinter sich? Und jetzt soll “agil” das nächste Projekt gemanaged werden? Herzlichen Glückwunsch! Willkommen im Club! Falls – und ich sage explizit “FALLS” – es in Ihrem Kopf noch Unklarheiten gibt, was “agile Entwicklung” nun wirklich bedeuten soll, habe ich hier das Richtige für Sie. Mein Opa erklärt es uns. An einem simplen Beispiel. Ein platonischer Dialog.

Kai: Opa, stell dir das vor: Du bist jung, du hast gerade geheiratet. Oma und du, ihr habt den ganzen Sommer über gezeltet. Freie Liebe und so. Aber der Winter naht, und jetzt müsst ihr rechtzeitig ein Haus bauen. Was würdest du tun?

Opa: Ich würde ein kleines Haus bauen, aber mit einem soliden Fundament, damit wir einziehen können, bevor die Kälte kommt. Ein behelfsmäßiges Dach drüber, und – erstmal – fertig.

Kai: Und dann?

Opa: Im nächsten Sommer würde ich dann einen Ausbau vornehmen und ein vernünftiges Dach installieren. Im Sommer darauf würde ich vielleicht eine Veranda bauen. Etwas später würde ich vielleicht noch eine Etage einziehen. Ich würde gemeinsam mit deiner Omma entscheiden, was ich zuerst tun soll und was als Nächstes. Wie immer… (Opa verdreht die Augen).

Kai: Gut gemacht, Opa! Daraus lernen wir, was das in „Agil“ übersetzt bedeutet:

  • Das Haus ist unser „Produkt“.
  • Das erste kleine Haus ist unser MVP („Minimum Viable Product“), das minimal tragfähige Produkt.
  • Opa ist der „Product Owner“. Er kümmert sich darum, wie das Haus aussehen wird.
  • Oma ist ein „Stakeholder“. Ihre Meinung zählt, denn sie muss im Haus leben.
  • Die Liste des geplanten Ausbaus (Veranda, weiteres Stockwerk, festes Dach und was auch immer sonst noch gebaut werden soll) ist das „Backlog“.

Kai: Jetzt sag mir, Opa, wie würdest du dein Haus bauen?

Opa: Nun, ich selbst habe zwei linke Hände, ich würde also weiter in meinem eigentlichen Beruf arbeiten. Aber ich würde zwei lokale Handwerker, Hans und Franz, beauftragen, für mich zu arbeiten. Und ich bitte meine nette Nachbarin, als “Vermittlerin“ zwischen den beiden zu agieren. Quasi ganz unabhängig und objektiv.

Wir übersetzen:

  • Hans und Franz sind das „Entwicklerteam“.
  • Die Nachbarin ist ein „Scrum Master“. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Teamgeist zu erhalten.

Kai: Aber Opa, wie würdest du sicherstellen, dass sie alles gut machen? Und dass das Baumaterial nicht ausgeht?

Opa: Am Anfang jeder Woche würde ich besprechen, was für die nächsten 1–2 Wochen gekauft werden muss. Am Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe, trinke ich vielleicht einfach einen Kaffee mit dem Nachbarn. Wir würden uns dann genau ansehen, was fertig ist und was noch gebaut werden muss.

Merke:

  • Opas Diskussion zu Beginn jeder Woche ist eine „Sprint-Planung“.
  • Der Morgenkaffee ist ein „Stand-up“.

Ähm … Das Wichtigste haben wir aber bisher vergessen.

Ich frag’ Opa schnell: Aber was ist mit Oma? Sie wäre wahrscheinlich auch daran interessiert, am Bau des Hauses mitzuwirken?

Opa: Ich würde sie alle zwei Wochen mitnehmen. Nur für den Fall, dass etwas schiefgeht.

Aha!

  • Jeder zweiwöchentliche Tag vor dem Besuch von Oma entspricht der Länge eines „Sprints“.
  • Wenn Oma mitkommt, ist es eine Sprint-Review (Tipp von Opa: den Sprint immer so planen, dass Oma was zu sehen bekommt. Ansonsten Blumen kaufen).
  • Ihre Einweihungsparty ist die „Produkteinführung“, der Launch.

Letzte Frage: Opa, was würdest du tun, wenn du genug Geld und Zeit hättest, um sofort ein großes, solides Haus zu bauen?

Opa: Ich würde mich dann nicht mit einem kleinen Haus beschäftigen und einfach eine große Baufirma beauftragen, ein umzugsfertiges Haus für mich zu bauen. Wir würden uns auf einen Plan einigen und eine Vereinbarung treffen. Ich würde die Baustelle mehrmals besuchen, um zu sehen, wie die Arbeit läuft, aber eher aus Neugier, denn die Baufirma würde definitiv alles nach Plan bauen.

(An dieser Stelle lache ich in mich hinein – der geneigte Leser wird wissen, wieso.)

Kai: Aber der sofortige Bau eines großen Hauses würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. Dann könntest du bis September nicht einziehen!

Opa: Nun, ich würde lieber sechs Monate warten, aber ein solides, zweistöckiges Haus haben, in das ich einziehen kann. Am Ende des Tages würde ich tatsächlich viel sparen: Ich würde meine Ressourcen nicht mit der Investition in eine temporäre Überdachung verschwenden, sondern von Anfang an ein solides Dach haben.

MASTERFRAGE, Opa: Was wäre, wenn du dir aber nicht sicher wärst, ob ihr überhaupt in einem riesigen Haus – an dieser Stelle und genau in dieser Größe – wohnen wollt?

Opa: Dann würde ich wahrscheinlich zuerst ein kleines Haus bauen. Ich will nicht lange warten und viel Geld für etwas ausgeben, das ich vielleicht nicht wirklich brauche.

Ende.