Schimmel im Keller. Die drei Digitalisierungs-Fails.

Digitalisierung ist ungefähr so nützlich wie ein Regenschirm in der Autowaschanlage.

Kai Schmidhuber

Nach jahrelanger Arbeit an der digitalen Transformation in Unternehmen ist es an der Zeit, mein persönliches Zwischen-Fazit zu ziehen – und mich der powerpointverklärten Realität zu stellen. Ich habe so viele Events, Kongresse und “Happenings” besucht, Keynote-Präsentationen und Best-Practice-Offenbarungen anderer Unternehmen gehört. Meine Meinung dazu, sinngemäß nach dem Spruch vom glänzenden Gold: Nicht alles ist digitalisiert, das blinkt! Und konkret: Die reine Digitalisierung ist ungefähr so nützlich wie ein Regenschirm in der Autowaschanlage. Doch woran liegt das? Was sind die häufigsten Fehler, die passieren? Eine sinnbildliche Bestandsaufnahme:

Fehler 1: Wenn’s im Keller schimmelt, sprenge ich ihn in die Luft.

Ich bin kein Heimwerker, aber ich versuche es mit diesem Vergleich: Nehmen wir an, Ihr Keller wird überwuchert mit Schimmel. Schlimm genug. Wäre Ihre erste Reaktion, den Keller zu sprengen, um auf diese drastische Weise dem Schimmel den Garaus zu machen? Wahrscheinlich nicht, oder? Nein. Sie würden zunächst einmal der Ursache des Schimmels auf den Grund gehen und diese nach Möglichkeit beheben. Simpel. Übertragen auf Unternehmen verhält sich das in etwa so, beispielsweise in der Musikbranche: Konsumenten hatten irgendwann einfach keine Lust mehr, ganze Alben zu kaufen. Sie wollten einen oder zwei Songs daraus. Online-Streamingdienste und Tauschbörsen sind entstanden. Was macht die Musikindustrie? Genau – sie fokussiert auf den Abriss und die Zerstörung der Tauschbörsen. Sie sprengen den Keller, das Fundament, in die Luft. Da freuen sich die konsumentenorientierten Dritten, nämlich iTunes, Spotify oder Amazon Music. Diese schaffen ganz legal und mit großem Erfolg aus diesem Kundenbedürfnis ein Angebot. Ein neues Haus. Denn sie haben die Ursache verstanden – die Herauslösung von Songs aus Alben. Jetzt denken Sie vielleicht: „Ja, ja, lieber Kai Schmidhuber. Das Beispiel der Musikindustrie hat echt so ‘nen Bart!“ Stimmt. Aber die Vergangenheit wiederholt sich. Netflix tötet nicht die Kinowelt– sondern Popcorn für 18 Euro und Online-Tickets, für deren Internetbuchung ich auch noch einen AUFPREIS zahlen muss. Ich erspare Ihnen weitere Beispiele. Aber es gibt sie. Massenhaft.

Fehler 2: Mit der „Kraft der zwei Strategien“ zum digitalen Infarkt

Nein, Strategien sind sinnvoll. Auf jeden Fall. Verstehen Sie mich nicht falsch. Aber: Wer, bitteschön, braucht eine DIGITALE Strategie? Ich sage es Ihnen: niemand. Denn digitale Strategien lenken die Aufmerksamkeit oft von wichtigeren Zielen, wie Kundenzufriedenheit, ab. Oder von der Tatsache, dass Sie sich lieber um den Schimmel im Keller als um die neue „5.1 3-D-Ultra-Sowieso-Anlage“ in Ihrem Wohnzimmer kümmern sollten. Konkret: Als Häuslebauer haben Sie einen Grundriss, einen Bauplan. Auf diesen aufbauend passieren zum Beispiel die Verkabelung und der Innenausbau. Und vieles mehr. Stellen Sie sich nun vor, Sie würden den Innenausbau getrennt vom Bauplan angehen und planen. Mit einer eigenen Strategie. Bleibt zu hoffen, dass beides am Ende auch zusammenpasst. Zurück zum Konkreten: Ich spreche von der Gefahr der zwei Strategien, einer digitalen und einer unternehmerischen. Im besten Fall ist das verwirrend, im schlimmsten Fall ist es Mist. Getrennte Strategien führen zwangsläufig zu Überschneidungen und Konflikten. 

Ein viel besserer Ansatz wäre es, zu überlegen, wie digitale Werkzeuge und Technologien eine einzelne Unternehmensstrategie unterstützen können oder noch besser, die bestehende Strategie bei der Anpassung an sich ändernde Bedingungen unterstützen.

Fehler 3: Der „Saurons-Auge“-Effekt

Das lidlose Auge krönt die Festung Saurons im Filmepos „Herr der Ringe“. Und es schaut unablässig in Richtung des einen Objektes der Begierde – des Ringes. Und so ist es dann auch oft in Unternehmen. Da blickt das Auge – oder besser gesagt, die Augen – dann unablässig in Richtung des zu digitalisierenden Bereiches. Unternehmen A digitalisiert seine Lieferkette, Unternehmen B sein Marketing, Unternehmen C digitalisiert den Retail. Super! Leider enden solche Projekte nicht selten in einem Fiasko. Denn die digitale Fortsetzung eines ohnehin schon analog schwachen Prozesses setzt das Problem ja nur fort. Und eine digitale Fortsetzung bringt dann weitere Komplikationen mit sich. Denken Sie nur an Social Media. In den Sozialen Medien lauert die subjektive, untergriffige Kritik an jeder Ecke … Je digitaler, desto shitstormer…

Bevor digitalisiert wird, sollte man daher also bestenfalls zunächst die Unternehmensstrategie als solche auf den Prüfstand stellen. Digitale Tools und Technologien sollten nämlich am Ende über Silos hinweg funktionieren. Denn diese Silos, ob Marketing, Supply-Chain oder Retail, sind letztlich oft Teil des Problems und nicht die Lösung. Tatsächlich habe ich immer wieder festgestellt, dass eine erfolgreiche Transformation einen funktionsübergreifenden Ansatz erfordert. So braucht beispielsweise der E-Commerce eine enge Integration von Kommunikation, IT, Marketing und Logistik, die eine gewisse Digitalisierung voraussetzt.

Was also tun? Gegen den digitalen Schimmel im Keller? Stoßlüften! Und zwar oft und regelmäßig. Mal durchatmen und frischen Wind im Unternehmen zulassen, der alles in Frage stellt. Wie das genau gehen kann, beantworte ich in meinen nächsten Artikeln sicher auf die eine odere andere Weise.

Weshalb es Unsinn ist, ihren Mitarbeitern “Digitalisierung” zu erklären.

Kennen Sie Unternehmenslenker, die vom „Thema Digitalisierung“ sprechen? So nach dem Motto: „Bei uns ist das Thema Digitalisierung jetzt auch ganz groß. Da sind wir jetzt dran.“ Joah … 

Für mich ist auch das Thema „Feierabend“ ganz groß. Da bin ich auch täglich dran.

Digitalisierung ist kein „Thema“, damit muss ich jetzt mal aufräumen. Denn auch Profitabilität und Kundenzufriedenheit sind keine „Themen“.

Kai Schmidhuber, wenn er sich in Rage denkt

Gründen Sie ein Mähbusiness!

Stellen Sie sich das einmal im privaten, kleineren Kontext vor: Sie gründen ein kleines Unternehmen. Sagen wir einen Rasenmäh-Service. Sie nennen es “Amähzon”. Ihr Service: Sie mähen bei anderen Leuten den Rasen. Ich glaube, das wäre mein Traumberuf. Riechen Sie das auch gerade? Der Geruch von frisch geschnittenem Gras … Sommer …? Toll! Aber zurück zum Thema: Sie haben gerade ihr Mähbusiness gegründet und stellen 2–3 Rasen-Mäher ein. Also Mitarbeiter, die den Rasen mähen. Mit Rasenmähern. Den richtig guten! So mit Benzin, 54er Schnittbreite und Megafangkorb samt Mulchfunktion. Und ihr Business läuft super! Erst gewinnen Sie zwei, drei Häuser, später den ganzen Straßenzug als Kunden. Sie stellen weitere Rasen-Mäher ein. Läuft bei Ihnen!
 

Oh je – Amähzon wird disruptiert!

Tja, und plötzlich haben Sie eine dieser dicken Werbebeilagen im Briefkasten. Und ihre Kunden auch. „Jetzt im Angebot: Mähroboter“, ab 379 Euro lockt die Technik. KI lässt grüßen. Ihre Kunden stellen sich schon bildlich vor, wie sie in der Mittagspause das Gesprächsthema zwischen Salatteller und Soja Latte stellen: “Meinen Rasen mäht jetzt ein Algorithmus. Easy. Ich steuer das alles über Smart Home. Muss nur noch die App mit dem Rasenmäher matchen und dann das GPS-Modul mit unserem WLAN connecten. Aber ist alles Plug & Play.” Was passiert also:  ihre Kunden, viele mit Smartphone sozialisiert und in freudiger Erwartung, demnächst auch eine App zum Rasenmähen ihr Eigen nennen zu können, schlagen begeistert zu und kaufen Mähroboter. 
Sie verlieren einen Kunden nach dem anderen. Die Profitabilität Ihres Unternehmens sinkt. Die Kundenzufriedenheit der verbleibenden Kunden auch, denn aufgrund ihrer geringeren Auslastung können Sie nicht mehr so viele Mähtermine anbieten. Sie müssen vielleicht sogar Leute entlassen.

Zeit für die Erkenntnis

Und dann merken Sie: Oha, das Thema Digitalisierung scheint meinen Kunden ja extrem wichtig zu sein. Und dann wird es hektisch. Sie schulen Ihre Mitarbeiter. Über Wochen, Monate. Erklären ihnen rauf und runter, wie wichtig „Digital“ ist. Externe Experten kommen. Kai Schmidhuber hält bei der Betriebsfeier eine Rede und teilt lustige Anekdoten über Rollrasen. Die Mitarbeiter lernen praktisch in „Sessions“, dass jetzt alle diesen „E-Commerce“ machen und nur noch auf dem Smartphone daddeln, und dass das auch die Rasenmähindustrie zum Erliegen bringt. Die Mitarbeiter dann so in der Mittagspause: „Das Thema Digitalisierung ist wirklich spannend. Wer ist eigentlich dieser neue im Team?” Ein anderer: „Ach der? Der macht jetzt wohl digital. Kommt von (Digitalfirma einsetzen).“ 


Was läuft hier falsch?


Alles! 


Denn natürlich geht es AUCH darum, die Mitarbeiter „mitzunehmen“ und ihnen die Bedeutung und Herausforderungen der Digitalisierung zu erklären. Aber, lieber Amähzon-CEO: Das reicht nicht! Das ist ungefähr so, wie der Fußballmannschaft, die gerade dabei ist, haushoch zu verlieren, während der Halbzeit in der Kabine zu erklären, weshalb der Gegner einfach besser ist. Nein. Das würde nie so passieren. Sondern man bespricht eine Strategie, wie dem nun beizukommen ist. Und zwar direkt. Sofort. Um das Ruder rumzureißen. In der zweiten Halbzeit. Nicht erst in der nächsten Saison, sonst droht der Abstieg. Jeder Mann oder jede Frau auf dem Platz wird gebraucht.

Und so sollte es auch in Unternehmen laufen: Digitalisierung vermitteln ist das eine, doch viele lagern die eigentlichen Aktivitäten aus. Die Digitalisierung als Solche wird zur Geheimwissenschaft. Die Mitarbeiter werden dann zu Zuschauern.

Was also tun?

Mein Vorschlag für den Mähfirma-CEO: Diese Mähroboter sind zwar digital und cool, aber im Handling eigentlich der letzte Mist. Wer verlegt denn dieses Kabel im Garten? Wer richtet die App ein, programmiert den Wahnsinn? Wer wartet den Roboter? Ersetzt die Klingen? Und wer kommt vorbei und mäht die Ecken und Kanten, an denen der Roboter regelmäßig scheitert, und baut den ganzen Rödel dann irgendwann wieder ab (ich spreche aus Erfahrung)? Denn die Kunden und Ex-Kunden von Amähzon werden dann wahrscheinlich merken, dass richtiges Rasenmähen ein doch ziemlich sensibles Thema ist. Und es auf Zuverlässigkeit und Sorgfalt und Service ankommt. Und dann zum Handy greifen, um den nächsten freien Termin zum manuellen Mähen komfortabel einzubuchen! Vielleicht sogar in einer App.

Und wieso? Weil sie nicht einfach drauflos digialisiert, sondern Ihre Unternehmensstrategie verändert haben. Und daraufhin dann ihre Leistungen, Versprechen und Ways-of-Working angepasst haben. Und ihren Mitarbeitern nicht das “Thema Digitalisierung” erklärt, sondern Sie für Ihre Rolle DARIN geschult haben. Weil jeder involviert war.

Lieber Leser, liebe Leserin, wie sehen Sie das? Was hätte die Mähfirma noch tun können? Oder stattdessen?

So, ich bin raus für heute. 

Rasenmähen.

Digitale Transformation – ein kollektives Missverständnis

Wir alle können vom Pizzabäcker um die Ecke und dieser bunten Social Media-Jacke etwas über Digitalisierung lernen. Swipen Sie up.

Kai Schmidhuber, Digitaler Emoji-Unternehmer mit Hang zum Übertreiben

Bevor Sie fragen oder googlen: Nein, die Jacke kann man nicht kaufen. Und Ja, ich habe diese Jacke selbst hergestellt. Und ich trage sie recht häufig zu Beginn meiner Keynote-Speeches. Die Organisatoren sind dann jedes mal kurz versucht, schnell das Bühnenlicht zu löschen und mir das Mikrofon abzudrehen. Ich sehe das Entsetzen in ihren Augen. Aber meine Message wird dann doch recht schnell klar.

Eine bunte Emoji-Jacke macht mich so wenig zum Social Media-Star wie komplizierte Tools und Technologien ein Unternehmen zum digitalen Transformations-Terminator.

Mehr als 50.000 Menschen haben meine Artikel bereits gelesen. Dabei sind die Texte erst seit ein paar Tagen online. Ich habe auch sehr viel Feedback bekommen, unter anderem, dass ich meine Meinung zur “Digitalen Transformation” in Unternehmen doch mal prägnant(er) zusammenfassen möge. Hab’ ich gemacht – “voilà”, wie der Spanier sagt:

 

Digitale Transformation. Was ist das?

Knappe Antwort: ein großes und kollektives Missverständnis

Wieso? Der Begriff „digitale Transformation“ ist zunächst einmal wertend, nicht neutral. Und er führt in der Regel zu schlechten strategischen Entscheidungen. Technologie ist nur ein Element der gesamten digitalen Transformation per se. Wenn es um Digitaltechnik geht, denken wir immer schnell an Technologie, Innovation und Leistungsfähigkeit.

„Digital“ ist das Feuerwerk des modernen Managementmagiers – Hauptsache, wir erzielen ein großes „Bumm!“ und viele schöne Farben. Überall PowerPoint-Poeten. 

Digitale Transformation ist einfach kein Zauberstab. Sie macht nicht per Simsalabim cool und modern oder profitabel und innovativ.

Kai Schmidhuber, Desillusionist

Beispiel von Pizzabäcker Toni

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Küche. Ich versuche mich seit Jahren daran, einen richtig guten neapolitanischen Pizzateig zu machen. Es braucht eigentlich nur Mehl, Wasser, Hefe und Salz. Jetzt war ich doch wirklich eine Zeitlang der Meinung, dass mir ausschließlich der Erwerb von Technologie, nämlich in Form einer Kitchen Aid, zum perfekten Teig verhelfen könne. Weit gefehlt. Ich hab nämlich einfach mal ein Samstags-Praktikum bei Toni, meinem Italiener um die Eckte gemacht. Und da zugeschaut. Turns out: die machen den Teig in einer alten Holzkiste! Mit Händen.  Vielmehr geht es darum, was mit dem Teig passiert, wenn er fertig geknetet ist. Wie lange man ihn gehen lässt. Nämlich 36 Stunden! Mindestens! Im Kühlschrank. Siehe da: Ich brauche Technologie – aber keinen neuen Kühlschrank. Ich habe ja einen. Nur die Idee, dass ich den Teig da auch mal für eineinhalb Tage reinstellen kann, die fehlte bisher. Ich habe meine Arbeitsweise angepasst. Nicht die Technologie. Schreiben Sie mir, wenn Sie das Rezept wollen.

 

Was ist digitale Transformation denn jetzt?

In Kürze: unvermeidlich.

Ja, „digital“ ist unvermeidlich – aber nicht so sehr in dem Sinne, dass schnell alle möglichen Technologien übernommen werden müssten, sondern in der Erkenntnis, dass sich die Welt an sich verändert hat. In Wirklichkeit ist der technologische Wandel nur ein Werkzeug im Dienste einer größeren Transformation der Gesellschaft. Dabei sollte das Ziel eben nicht sein, stets die neueste Shootingstar-Technologie einzukaufen, sondern sich auf allen internen Ebenen des Unternehmens auf eine gemeinsame Vision zu einigen.

Ob dieser Prozess nun digitale Transformation heißt oder LMAA (für: Lass Mal Anders Agieren), ist piep egal.

Kai Schmidhuber, LMAA-Guru

Mit anderen Worten: Die schrittweise Anpassung an eine andere Arbeitsweise ist gefordert.Das sind die Herausforderungen, vor denen Unternehmen stehen, und sie sind tiefgreifender als eine simple Aktualisierung der jeweils verwendeten Tools.

 Kurz gesagt, die Herausforderung besteht nicht in der Integration des digitalen Werkzeugs, sondern in der Integration des digitalen Konsumenten.