Wieso ich nicht will, dass Daten das neue Öl sind.

Sieht toll aus! Ist aber ziemlich schlecht für die Umwelt.

Daten sind das neue Öl? Wir sprechen uns bei der nächsten Ölkatastrophe.

Kai Schmidhuber, digitaler Umweltaktivist. 

Man hört heute mit einiger Häufigkeit, dass „Daten das neue Öl sind“. Die meisten Menschen, die die Analogie genutzt haben, tun dies, um den enormen Wert von Big Data zu vermitteln. Daten sind eine wesentliche Ressource, die die Informationswirtschaft antreibt, ähnlich wie Öl die Industriewirtschaft beflügelt hat. 

Big Data verspricht eine Vielzahl neuer Anwendungen – die Identifizierung und Prävention der Pandemien, das Entstehen neuer Unternehmen und Geschäftsfelder, und natürlich mein Steckenpferd, die Verbesserung der Qualität und Effizienz im Marketing, um nur einige zu nennen. Genauso wie Öl nützliche Kunststoffe, Petrochemikalien, Schmierstoffe und Benzin hervorgebracht hat. 



Denken wir diesen Vergleich doch mal weiter. 

Öl hat sicherlich viele produktive Anwendungen, aber es führt auch zu Ölverschmutzung. Bei Big Data ist es ähnlich. Daten bringen enorme Vorteile, verursachen aber gleichzeitig erhebliche Verletzungen der Privatsphäre. Mit zunehmender Größe der Datensätze wächst auch die Bedrohung. 

Big Data ist wie ein riesiger Öltanker, der durch die Schwärme von Hackern, Kriminellen, Politikern und menschlichen Fehlern navigiert. Daten können klüger und reicher machen und unser Leben verbessern. Wie Öl können sie uns aber auch schaden.

Denken wir einfach mal noch etwas weiter. 

Um die von Öl ausgehende Gefahr einzudämmen, wurde eine Vielzahl an Gesetzen, Normen und Regeln entwickelt – und Verstöße werden hart sanktioniert. Was können wir also – wenn Big Data wirklich das neue Öl ist – aus diesen Regelwerken lernen? 

Nun, Ölverschmutzungen treten vor allem auf drei Arten auf. 

  • Sie verunreinigen und verwüsten Strände, Küsten und Wasser. 
  • Und sie schädigen natürlich die dort lebenden Wesen. 
  • Sie verursachen zudem Kohlenstoffemissionen und tragen so zum Treibhauseffekt und zum Klimawandel bei (falls Sie daran glauben. Soll ja Leute geben, die halten das für Quatsch).

Die missbräuchliche oder nachlässige Nutzung von Big Data verursacht analoge Verletzungen der Privatsphäre. Wie Öl laufen Daten aus. Datensicherheitsverletzungen verursachen großen Schaden, ebenso wie Ölunfälle Schäden verursachen. Die desaströsen Auswirkungen von Big Data sind auch analog zu Kohlenstoffemissionen und Klimawandel. Die Ölverbrennung trägt zu einer wachsenden Schicht von Treibhausgasen bei, die die Wärme der Sonne einfängt, den Klimawandel verursacht und die Erde so allmählich in eine finnische Sauna transformiert. In ähnlicher Weise erzeugen die Produzenten von Big Data Schicht für Schicht persönliche Informationen. Wir Menschen werden dadurch zur Ameise unter dem Brennglas. Es wird heiß. Und es gibt wenig Schutz und Schatten. 

Mein Mailpostfach kann ein Lied davon singen. Und Alexa auch.

OK, spinnen wir weiter. 

Was könnte man also tun? 

Sich am Umweltrecht bedienen.
 

Zum Beispiel könnten wir eine Gesetzgebung verabschieden, die die „Säuberung“ von „geleakten“ Daten durch die Regierung autorisiert. Wie bei der Wasserverschmutzung durch Ölauslauf in den USA. Das könne geschehen durch Bereitstellung von Dienstleistungen sowie Beratung und Wiederherstellung von Daten nach Identitätsdiebstahl. Die Agentur, die die „Säuberung“ durchführt, könnte dann eine immense Kostenerstattung von den Verantwortlichen für das Datenleak verlangen. Ich bewerbe mich hiermit zum Aufbau dieser Agentur, liebe Frau Merkel. 

Eine solche Gesetzgebung könnte außerdem die Haftung für derlei Handlungen erweitern und sicherstellen, dass auch immaterielle Schäden – zum Beispiel solche an Seele und Psyche von Betroffenen – wiederherzustellen sind. Zum Beispiel könnte ausdrücklich erlaubt werden, Schadenersatz für die emotionale Belastung zu verlangen, die durch die Freigabe wichtiger persönlicher Informationen oder durch das Risiko von Identitätsdiebstahl verursacht wird. Darüber hinaus könnte ein solches Gesetz eine strenge Haftung für Datenverluste vorsehen, wodurch die Notwendigkeit entfällt, die Fahrlässigkeit eines Beklagten nachzuweisen. 

Schließlich – so wie das Gesetz von Öltransportern verlangt, ihre Schiffe umweltschonend zu konstruieren – könnte die Gesetzgebung von informationsintensiven Unternehmen organisatorische Maßnahmen verlangen, um die Privatsphäre durch eine besondere Unternehmenskonstruktion zu respektieren, sodass nicht – sorry für das Beispiel – jeder Praktikant Zugriff darauf hat. Ist nämlich leider oft genug der Fall.Wenn Öltanker teure Doppelhüllen verwenden müssen, sollten Datensicherheitssysteme vielleicht eine Mehrfach-Authentifizierung einsetzen müssen. Oder nehmen wir uns ein Beispiel an Autos. Die müssen alle zwei Jahre zur HU. Oder Restaurants. Die kriegen ständig Besuch von Lebensmittelkontrolleuren. Wer prüft eigentlich die Datensicherheit in Unternehmen? Das Finanzamt? Das BVMI? LOL. Kai Schmidhuber

Bleibt für mich als Fazit: Da ist noch eine Menge zu regeln, wenn Daten wirklich das neue Öl sein sollen. 

„Jaaaa, Moment!“ werden jetzt viele Leserinnen und Leser denken. „Vergisst der Schmidhuber da nicht etwas? Zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung und EU-Privacy Law?“ Nein, habe ich nicht vergessen. Und ich finde es auch richtig, dass es diese Initiativen gibt. Doch ein Blick in Presse, Magazine und sonstige Berichterstattungen über die „gesetzumsetzenden“ Unternehmen zeigt, dass diese Verordnungen weit davon entfernt sind, „doppelwandige Datentanker“ zu kreieren. Ich denke, einige von Ihnen werden mir da zustimmen. Ja, die DSGVO macht Angst. Ja, sie hat auch viel Chaos angerichtet. Aber sie wird keine datentechnische „Ölkatastrophe“ verhindern. Sie ist für mich eher so das obligatorische „Kaugummi-bitte-in-die-Mülltonne-Gesetz“.Die DSGVO ist für mich das obligatorische Kaufgummi-bitte-in-die-Mülltonne-Gesetz.Passionierter Wrigleys-Kauer

Noch viel zu tun, wenn Daten das neue Öl sein sollen.

 

Mein Vorschlag:Daten sind die neue Briefmarkensammlung. Jeder hat irgendwo eine. Alle denken, sie sei wertvoll. Die wenigsten wissen etwas damit anzufangen. Und bis sie es wissen, geprüfte und versierte Datenwissenschaftler an Board haben, ausfallsichere Prozesse installiert und überhaupt mal einen PLAN haben, damit etwas sinnvolllles anzufangen, lassen Sie sie bis dahin besser einfach im Tresor.Kai Schmidhuber, sammelt zwar keine Briefmarken, aber auch keine Daten