Wie viel Digitalisierung vertragen Kultur und Mitarbeiter?

Wann droht die „Digitale Transformation“ zu scheitern? Zu dieser Gretchenfrage – die zudem eines meiner liebsten Themen ist – werde ich regelmäßig als Vortragsredner gebucht. So auch kürzlich zum HR FUTURE DAY von der Akademie für Deutsche Medien.

(c) Akademie der Deutschen Medien
Wie viel ist zu viel? Keynote im Literaturhaus München.

Die digitale Transformation in Unternehmen wird häufig gleichgesetzt mit technologischer Entwicklung, digitalen Apps, Bots, künstlicher Intelligenz und vielen weiteren Buzzwords. Es könnte der Eindruck entstehen, dass es sich tatsächlich um einen Wettlauf der technischen Möglichkeiten handelt, verbunden mit der möglichst bunten und lauten Inszenierung des Erreichten. 

Und ja – einige Unternehmen beherrschen dieses Spiel exzellent. Und viele andere lassen sich davon leider einschüchtern, ehrfürchtig aufblicken oder gar ein wenig neidisch werden. 

Und ich glaube, dass hier das Problem liegt. 

Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Optionen zur Digitalisierung scheinen so vielfältig, teuer, umfangreich und von Experten dominiert, dass man am liebsten gar nicht anfangen mag. Von den Vorbehalten einmal ganz abgesehen.

Ich mache da wirklich niemandem einen Vorwurf.

Es handelt sich hier aus meiner Sicht um den Fitnessstudio-Effekt. Und ich würde Ihnen gerne erklären, was ich damit meine. 

Der Fitnessstudio-Effekt

Stellen Sie sich vor, es ist der erste Arbeitstag nach Neujahr. Sie treffen Freunde und Kollegen und alle berichten von ihren Vorsätzen und fantastisch-ambitionierten Vorhaben. Sie selbst haben sich auch etwas vorgenommen: endlich fitter werden. Denn so geht das alles nicht weiter, denken Sie sich. “Ich möchte gerne nicht mehr so aus der Puste sein, wenn ich die Treppen zum Büro hochsteige!”, sagen Sie zu sich. Und beim Toben mit den Kindern im Indoor-Spielepark mühelos den Kletter-Vukan erklimmen. Sie merken schon – ich spreche eigentlich von mir ;-). 

Und als Sofortmaßnahme haben Sie sich nun bei einem teuren Fitnessstudio angemeldet, das sie jetzt zum ersten Mal betreten… 

Und was sehen Sie? 

“Muckimänner”, perfekt trainierte Körper, die scheinbar mühelos über Laufbänder flitzen oder Gewichte mit geradezu grotesk aufgetürmten Gewichten stemmen. Nebenan sehen Sie durch die Glasscheiben einen Zumba-Kurs. Was für eine Choreografie und Anmut! Und da stehen Sie, mit labbriger Jogginghose, den alten Turnschuhen aus der Schulzeit und einer 0,5l PET-Wasserflasche in der Hand. Und was tun Sie? 

Es gibt zwei Möglichkeiten. 

  • Die eine Möglichkeit ist, sich auf dem nicht vorhandenen Absatz herumzudrehen und die Mission „fit werden“ abzubrechen. 
  • Die zweite Möglichkeit ist, über Ihren Schatten zu springen und planlos zu beginnen. Dafür aber umso härter gegen sich selbst. Einfach mal lostrainieren.

Was ist der Fitnessstudioeffekt in der digitalen Transformation?

Der digitale Fitnessstudio-Effekt hat ebenfalls zwei Seiten: Einige Unternehmen zögern extrem lange, mit der digitalen Transformation überhaupt zu beginnen. Oder sie brechen ab, wenn sie das Ausmaß des Themas sehen (wie beim Betreten des Fitnessstudios). Zu teuer, zu unklar, zu spät – es gibt viele valide Gründe dafür. 

Andere hingegen stürzen sich geradezu ins Training. Stemmen Hanteln und Gewichte, verausgaben sich regelrecht (ein abschreckendes Beispiel: OTTO). Und wundern sich am Ende, wieso sie keinen unmittelbaren Effekt sehen. Stehen fragend vor dem “Spiegel der Öffentlichkeit”. Aufgeben ist keine Option. Das wäre ein Gesichtsverlust. Und die anderen machen es ja auch. Also weitermachen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Im wahrscheinlichsten Fall bekommen sie irgendwann Rückenschmerzen, brechen sich einen Fuß oder klemmen sich die Nerven ein. Der Körper – das Unternehmen – beginnt zu rebellieren. Kernfragen: wofür soll das alles gut sein? Wieso machen wir das? Wo ist der Trainingsplan? Haben wir überhaupt noch Budget?

Beide Seiten des Fitnessstudio-Effekts führen zu fehlgeleiteter Transformation. Entweder, sie wird gar nicht erst richtig begonnen, oder, sie wird unter den falschen Prämissen durchgeführt.

Denn Ziel es ja gar nicht, die dicksten Muskelberge zu haben oder ein sexy Sixpack. Ziel ist es, fitter zu werden. Und sich den veränderten Rahmenbedingungen des Lebens anzupassen.

Was hier also fehlt, ist ein zweiter Handlungsstrang. Ein Handlungsstrang, der für das Gelingen der digitalen Transformation unabdingbar ist. Denn „Fit werden“ besteht in der digitalen Transformation aus mindestens zwei Komponenten: 

  • Erstens, technische Fitness. Das erreichen Sie im digitalen Fitnessstudio. Im Unternehmenskontext dann gleichzusetzen mit neuen IT-Systemen und technologischem Fortschritt. Technische Muckis.
  • Zweitens, geistige Fitness. Wer fit werden will, muss seinen gesamten Lebenswandel ändern. Es hilft nicht, jeden dritten Abend Gyros beim Griechen um die Ecke zu ordern und dies dann im Fitnesstudio kompensieren zu wollen. Einige der lieb gewonnenen Traditionen müssen weg. Der gesamte Lebenswandel, die Kultur und das Denken im Unternehmen, müssen sich also mit ändern. Geistige Muckis.

Und so birgt der Fitnessstudio-Effekt die Erkenntnis, dass digitale Transformation aus mehr als einem einzigen Kletterseil besteht, an dem es sich hochzuziehen gilt. Es ist vielmehr eine KLETTERWAND. Die aus Klettergriffen der technischen und aus Klettergriffen der menschlichen, organisatorischen Transformation besteht.

Beide Seiten sind miteinander in Einklang zu bringen. Denn es ist ein und dieselbe Wand. 

Auf der einen Seite: Lebenswandel ändern, die „Einsicht“ haben, etwas verändern zu wollen. 

Auf der anderen Seite: Dinge auch wirklich anders machen zu wollen und loszulegen – wie die Anmeldung im Fitnessstudio und das erste Training.

Und jeder weitere Schritt ist dann auf den vorausgehenden Schritt anzupassen und abzustimmen. Links, rechts, links, rechts. 

Voilà:

Die Kletterwand erfolgreicher Digitalisierung

(c) Kai Schmidhuber
Alle Körperteile sind an der Kletterwand gefragt.

Gehen wir die einzelnen Schritte einmal durch – ich spiele gern den “Kraxlhuber” für Sie: 

Schritt 1: Allokation von Ressourcen

Schritt 1

Die Allokation geeigneter Ressourcen ist der erste und wichtigste Schritt, um überhaupt zu beginnen. Hierzu habe ich in den vergangenen fünfzehn Jahren eine Menge – gute wie auch äußerst schlechte –  Erfahrungen gemacht, worüber ich gerne in meinen Vorträgen berichte. So viel sei verraten: alle müssen beteiligt werden! Marketing, Vertrieb, Controlling, Einkauf – alle. Und stellen Sie nicht so viele “Experten” ein! Denn……ein Experte allein macht noch keine erfolgreiche digitale Transformation aus. Egal auf welchem Posten er vorher war, wie fancy sein Lebenslauf und wie toll seine vorherige Firma.Kai Schmidhuber, der auf vielen Posten war, einen fancy Lebenslauf und in tollen Firmen gearbeitet hat

Haltegriff Nummer 2: Digitale Bestandsaufnahme

Schritt 2

Mit dem zuvor geschaffenen “Initialteam” ist es dann zunächst notwendig, eine Bestandsaufnahme zu machen. Offen und schonungslos. Da kommt viel ans Tageslicht. Wie steht es um die Systemarchitektur? Wie sind die Wege der internen Zusammenarbeit, wenn es um die aktuellen Kernprozesse der Leistungserbringung geht? Was erwartet eigentlich der Kunde?

Erster kritischer Moment – Klettergriff # 3.

Schritt 3

Mit diesen Informationen gelingt der nächste Schritt – das Upskilling und Mentoring – gleich viel effektiver. Denn wenn klar ist, wo die Schwachpunkte des Unternehmens sind, können Sie die Organisation perfekt dafür sensibilisieren. Und erklären, wie es richtig geht. Upskilling.

“Mentoring” bezieht sich hier insbesondere auf die oberste Führungsetage und meint vielmehr ein umgekehrtes Mentoring. Konkret: den Führungskräften wird beigebracht, wo ihr Unternehmen wirklich steht und wie die Zusammenhänge sind. Fernab der schicken Beratercharts und marktschreierischen Neuigkeiten in den Fachpublikationen zu Trends, AI, AR, Robotik und mehr, denen man in den oberen Etagen so gerne hinterher hechten will. Das Top Management muss als erstes verstehen, wie es wirklich um den digitalen Status steht. 

Da kommen viele unbequeme Wahrheiten ans Licht. Ein paar (rein fiktive) Beispiele:

  • Kundendaten? Vollkommen fragmentiert. Erkenntnis: Wir brauchen jetzt gerade kein State-of-the-Art-Schubi-Dubi CRM-System, sondern erst einmal einen “Data-Archäologen”, der sich die Finger schmutzig macht.
  • Online Shopping? Unsere Website ist zu langsam und wir haben keine Bilder unserer Produkte. Erkenntnis: erstmal mit den Basics anfangen, bevor ambitionierte E-Commerce Ziele gesetzt werden.

Schritt 4 – der erste Sicherungshaken in der Kletterwand

Schritt 4

Auf dieser Basis können Maßnahmen zur Herstellung digitaler Hygiene eingeleitet werden. Diese Maßnahmen sind nicht standardisierbar, sondern so individuell wie Ihre Organisation. Hier sind es schnellere Server, dort sind es bessere Inhalte der Website, andernorts der Aufbau von Produktbewertungen als Basis für E-Commerce-Erfolg. Immer gilt: gemeinsam. Denn jeder weiß jetzt, worum es genau geht und wie die Prioritäten sind. Marketing-Manager helfen genauso mit wie IT, Controlling oder digitale Fachfunktionen. Es muss überall in die täglichen Routinen übergehen. 

Ist dieser Abschnitt geschafft, haben Sie einen Sicherungshaken in der Wand erreicht. Wenn Sie sich hier erst einmal eingeklinkt haben, rutschen Sie so schnell nicht mehr ab. Ein gutes Fundament für mehr! 

Jetzt werden die Hände feucht – Schritt 5

Schritt 5

Der nächste Schritt ist ein ganz entscheidender. Bisher gab es nämlich eine klare Rollenaufteilung in Ihren Teams. Die bestehen nämlich traditionen aus Silos. Was ganz normal ist!  Das Silo der Digital-Experten, das Silo der Controller, Einkäufer, Marketeers und so weiter. Jetzt ist es an der Zeit, einzelne Jobprofile miteinander zu vermischen. Denn “digital” muss in jeder Rolle im Unternehmen vorkommen und einen Platz finden. Es ist keine Expertenwissenschaft. 

Zudem ist es von besonderer Bedeutung, einzelne „Stämme“ innerhalb des Unternehmens zu bilden. Fernab organisationshierarchischer Beziehungen. Was das bedeutet? Stellen wir uns vor, dass das Thema „Kundendaten“ in ihrer digitalen Ausrichtung einen entscheidenden Stellenwert einnimmt. Jetzt könnten Sie natürlich einfach zehn Datenwissenschafter einstellen – das macht allerdings wenig Sinn und ist irrsinnig teuer. Stattdessen könnten Sie aber auch motivierte und fähige Mitarbeiter Ihrer Organisation dem – fix etablierten – „Kundendaten-Stamm” hinzufügen. Dabei kann es sich beispielsweise um Business Analysten, Controller oder Marketing-Mitarbeiter mit hoher Affinität für Zahlen und Daten handeln. Und die knacken gemeinsam an projektierten Herausforderungen. Daraus entwickeln sich ganz wunderbare Dinge. Richtiges Training und hochwertige Schulungen, Coachings und Top Management-Unterstützung natürlich vorausgesetzt.

(pexels)
Ein neuer “Stamm” entsteht in Ihrem Unternehmen, um eine Aufgabenstellung von Bedeutung gemeinsam zu lösen

Sie sind fast oben! Sechster Schritt

Schritt 6

JETZT – und wirklich erst jetzt – sind Sie dafür gewappnet, sich mit den großen Fragestellungen der digitalen Transformation zu befassen. Und starten umfassende digitale Initiativen, die den Unternehmenskern stärken und Mehrwerte für die Kunden realisieren. Muss das eine App sein? Weiß ich nicht. Augmented Reality? Keine Ahnung. Aber Sie und Ihre „Stämme“ werden es zu diesem Zeitpunkt wissen, denn sie sind schon recht weit oben auf der Kletterwand. Wenn sie es bis dahin geschafft haben, sind sie alle gute Kletterer und wissen, wo der nächste Handgriff zu setzen ist.

Auf zu neuen Kletterwänden und Bergen – Schritt 7

Schritt 7

Wenn Ihre Teams es bis ganz oben geschafft haben, sollten sie zunächst einmal die Aussicht genießen. Und meist ändert sich dann etwas. An der gesamten Einstellung. Am Blick auf die Welt und dem Verständnis für die Dinge. 

Aber mal weniger blumig: jetzt ist der richtige Zeitpunkt, zu überlegen, inwiefern die bisherigen Organigramme noch Gültigkeit haben. Und auf Basis der Erkenntnisse aus der Arbeit ihrer „Stämme“ und der Vermischung von Rollenprofilen ihre Organisation anzupassen. Das kann auf verschiedene Weisen passieren – dafür gibt es keine Blaupause. Deswegen grinse ich auch immer ein wenig, wenn wieder ein HR-Experte “das perfekte Organigramm“ vorschlägt. Oder es abschaffen will. Oder statt Kästchen Kreise malt, die er oder sie dann als futuristisch verkauft. Alles richtig und alles falsch. Aber Sie und ihre Teams werden es zu diesem Zeitpunkt wissen. Und dann erkennen Sie: “Ah, das hier – Schritt 7 – ist nur ein kleiner (Fels-) Vorsprung. Die Kletterwand geht dort weiter.” 

Und Sie machen sich auf den Weg.

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Buchungen für Speaker-Auftritte und Consulting gerne über meine Website. Ich spreche zu allen Themen der digitalen Transformation, insbesondere über persönliche Projekt-Fails im Kontext von HR, IT, Startups und Data Science.

Mein Anspruch: Digital entmystifizieren. Es laufen so viele Magier und PowerPoint-Jongleure mit Buzzword-Kanonen herum – die stören die digitale Transformation in Unternehmen. Weil sie daraus eine Geheimwissenschaft machen. Und durch konstruierte Komplexität ein unsinniges Expertentum etablieren wollen. Ich sage: weg damit. Ich vermittele digitale Transformation so wie ihre Großmutter ein Kuchenrezept. Zutaten, Anleitung und ein paar Tips aus ECHTER, eigener Erfahrung zum Gelingen. Guten Appetit.