Mein Opa erklärt „AGILE Entwicklung“

Jungchen – deine Omma und ich haben schon immer alles ganz agile developed! Getz‘ sach‘ mir nich‘ Du weißt nicht watt Agility is?  Opa Schmidhuber

Was ist agile Entwicklung wirklich? Opa erklärt.

Landein, landab wird von „Agility“ gesprochen. Haben Sie auch schon alle Workshops hinter sich? Und jetzt soll „agil“ das nächste Projekt gemanaged werden? Herzlichen Glückwunsch! Willkommen im Club! Falls – und ich sage explizit „FALLS“ – es in Ihrem Kopf noch Unklarheiten gibt, was „agile Entwicklung“ nun wirklich bedeuten soll, habe ich hier das Richtige für Sie. Mein Opa erklärt es uns. An einem simplen Beispiel. Ein platonischer Dialog.

Kai: Opa, stell dir das vor: Du bist jung, du hast gerade geheiratet. Oma und du, ihr habt den ganzen Sommer über gezeltet. Freie Liebe und so. Aber der Winter naht, und jetzt müsst ihr rechtzeitig ein Haus bauen. Was würdest du tun?

Opa: Ich würde ein kleines Haus bauen, aber mit einem soliden Fundament, damit wir einziehen können, bevor die Kälte kommt. Ein behelfsmäßiges Dach drüber, und – erstmal – fertig.

Kai: Und dann?

Opa: Im nächsten Sommer würde ich dann einen Ausbau vornehmen und ein vernünftiges Dach installieren. Im Sommer darauf würde ich vielleicht eine Veranda bauen. Etwas später würde ich vielleicht noch eine Etage einziehen. Ich würde gemeinsam mit deiner Omma entscheiden, was ich zuerst tun soll und was als Nächstes. Wie immer… (Opa verdreht die Augen).

Kai: Gut gemacht, Opa! Daraus lernen wir, was das in „Agil“ übersetzt bedeutet:

  • Das Haus ist unser „Produkt“.
  • Das erste kleine Haus ist unser MVP („Minimum Viable Product“), das minimal tragfähige Produkt.
  • Opa ist der „Product Owner“. Er kümmert sich darum, wie das Haus aussehen wird.
  • Oma ist ein „Stakeholder“. Ihre Meinung zählt, denn sie muss im Haus leben.
  • Die Liste des geplanten Ausbaus (Veranda, weiteres Stockwerk, festes Dach und was auch immer sonst noch gebaut werden soll) ist das „Backlog“.

Kai: Jetzt sag mir, Opa, wie würdest du dein Haus bauen?

Opa: Nun, ich selbst habe zwei linke Hände, ich würde also weiter in meinem eigentlichen Beruf arbeiten. Aber ich würde zwei lokale Handwerker, Hans und Franz, beauftragen, für mich zu arbeiten. Und ich bitte meine nette Nachbarin, als “Vermittlerin“ zwischen den beiden zu agieren. Quasi ganz unabhängig und objektiv.

Wir übersetzen:

  • Hans und Franz sind das „Entwicklerteam“.
  • Die Nachbarin ist ein „Scrum Master“. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Teamgeist zu erhalten.

Kai: Aber Opa, wie würdest du sicherstellen, dass sie alles gut machen? Und dass das Baumaterial nicht ausgeht?

Opa: Am Anfang jeder Woche würde ich besprechen, was für die nächsten 1–2 Wochen gekauft werden muss. Am Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe, trinke ich vielleicht einfach einen Kaffee mit dem Nachbarn. Wir würden uns dann genau ansehen, was fertig ist und was noch gebaut werden muss.

Merke:

  • Opas Diskussion zu Beginn jeder Woche ist eine „Sprint-Planung“.
  • Der Morgenkaffee ist ein „Stand-up“.

Ähm … Das Wichtigste haben wir aber bisher vergessen.

Ich frag’ Opa schnell: Aber was ist mit Oma? Sie wäre wahrscheinlich auch daran interessiert, am Bau des Hauses mitzuwirken?

Opa: Ich würde sie alle zwei Wochen mitnehmen. Nur für den Fall, dass etwas schiefgeht.

Aha!

  • Jeder zweiwöchentliche Tag vor dem Besuch von Oma entspricht der Länge eines „Sprints“.
  • Wenn Oma mitkommt, ist es eine Sprint-Review (Tipp von Opa: den Sprint immer so planen, dass Oma was zu sehen bekommt. Ansonsten Blumen kaufen).
  • Ihre Einweihungsparty ist die „Produkteinführung“, der Launch.

Letzte Frage: Opa, was würdest du tun, wenn du genug Geld und Zeit hättest, um sofort ein großes, solides Haus zu bauen?

Opa: Ich würde mich dann nicht mit einem kleinen Haus beschäftigen und einfach eine große Baufirma beauftragen, ein umzugsfertiges Haus für mich zu bauen. Wir würden uns auf einen Plan einigen und eine Vereinbarung treffen. Ich würde die Baustelle mehrmals besuchen, um zu sehen, wie die Arbeit läuft, aber eher aus Neugier, denn die Baufirma würde definitiv alles nach Plan bauen.

(An dieser Stelle lache ich in mich hinein – der geneigte Leser wird wissen, wieso.)

Kai: Aber der sofortige Bau eines großen Hauses würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. Dann könntest du bis September nicht einziehen!

Opa: Nun, ich würde lieber sechs Monate warten, aber ein solides, zweistöckiges Haus haben, in das ich einziehen kann. Am Ende des Tages würde ich tatsächlich viel sparen: Ich würde meine Ressourcen nicht mit der Investition in eine temporäre Überdachung verschwenden, sondern von Anfang an ein solides Dach haben.

MASTERFRAGE, Opa: Was wäre, wenn du dir aber nicht sicher wärst, ob ihr überhaupt in einem riesigen Haus – an dieser Stelle und genau in dieser Größe – wohnen wollt?

Opa: Dann würde ich wahrscheinlich zuerst ein kleines Haus bauen. Ich will nicht lange warten und viel Geld für etwas ausgeben, das ich vielleicht nicht wirklich brauche.

Ende.